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Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen während des Nationalsozialismus, die sich gegen Menschen mit Behinderung richteten.

T4 – Keine Ahnung?

Euthanasie während der NS-Zeit – Eine Erinnerungsarbeit

 

seit September 2018 kontinuierlich

Die Auseinandersetzung mit den Verbrechen während des Nationalsozialismus, die sich gegen Menschen mit Behinderung richteten – allein in Straubing fielen dem nationalsozialistischen Euthanasieprogramm etwa 360 Menschen, der Behinderteneinrichtung der Barmherzigen Brüder, zum Opfer -, ist nach unserer Einschätzung in der öffentlichen Wahrnehmung nicht ausreichend präsent. Durch das langfristig angelegte Projekt „T4-Keine Ahnung? Euthanasie während der NS-Zeit – Eine Erinnerungsarbeit“, wollen wir sensibilisieren, neue Bezugspunkte in der Straubinger Erinnerungsarbeit herstellen, sowie öffentlichen Raum gegenüber der Thematik schaffen. Projektbasis bilden die Forschungsarbeiten und Recherchen von Gerhard Schneider, Leiter des Bezirksklinikums Mainkofen, sowie der Stadtarchivarin Dr. Dorit-Maria Krenn, die pädagogisch-didaktischen Materialien, von Katharina Werner, die für den Einsatz im Bereich der Behindertenhilfe erarbeitet wurden. Darüber hinaus wurden in den vergangenen Jahren zahlreiche inklusive Projekte zur Erinnerungsarbeit in Kooperation mit dem Nardiniheim an der Bildungsstätte St. Wolfgang umgesetzt.

Als erstes Ziel wollte die Arbeitsgruppe, bestehend aus Dr. Dorit-Maria Krenn, Katharina Werner und Roman Schaffner ein Zeichen der Erinnerung im Pulverturm umsetzen. Es sollte den Opfern der sog. „Aktion T4“ sowie den Opfern der dezentralen Euthanasie gewidmet sein, derer es in der ehemaligen Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüder in Straubing 360 gab. Nicht alle Namen konnten recherchiert werden. Lediglich die 130 Namen der Menschen, die im oberösterreichischen Schloss Hartheim ermordet wurden liegen vor. Es stellt sich die Frage, wie viele Opfer im Rahmen der NS-Euthanasie gab es darüber hinaus. Diese Frage wird uns zukünftig beschäftigen. Überlegung bzgl. eines Erinnerungsmals im Pulverturm, dem zentralen Gedenkort der Stadt Straubing:

  • Das Erinnerungsmal sollte sich in das Ensemble des Pulverturms einfügen.
  • Junge Menschen sollten sich mit der Thematik befassen, bzw. herangeführt werden.
  • Eine Kooperation mit dem Gestaltungszweig der FOS / BOS hatte erste Priorität.

 

FOS/BOS als Kooperationspartner

Unter der fachlichen Anleitung von Max Messemer wurde ein Bronze-Triptychon erarbeitet, das im Oktober 2019 im Pulverturm enthüllt wurde. Es trägt stellvertretend 130 Namen von T4-Opfern, die ermittelt werden konnten und in der ehemaligen NS-Tötungsanstalt Schloss Hartheim, ermordet wurden. Aus einer Gruppe von anfangs 120 Schüler*innen, die sich der Thematik annahmen, setzte sich die Idee von Miriam Pelizzari, Lisa Konjetzky, Katharina Plonka und Sandra Bickel durch. Darüber hinaus beteiligt sich nicht nur der Gestaltungszweig der FOS/BOS an diesem Projekt mittlerweile sind alle Fachbereiche mit großem Engagement eingebunden. Noch im Juli 2019 erfolgte eine Exkursion nach Hartheim. Heute befindet sich dort ein Lern- und Gedenkort. Etwa 13 Schüler*innen werden sich in ihre Seminararbeit mit der NS-Euthanasie auseinandersetzen.

 

Weiterführendes zum Projekt:

  • didaktische Fachangebote in den Bereichen Erziehung, Schule und in Einrichtungenfür Menschen mit Behinderung
  • Dokumentation der Projektarbeit (Foto, Film, Essays, bildnerische Arbeiten, Zeitungs-und Erfahrungsberichte …)
  • Die Präsentation der Dokumentation soll in Form einer oder mehrerer Ausstellungen wiederum im öffentlichen Raum stattfinden
  • Ausarbeitung und Angebot pädagogischer Exkursionen zur ehemaligen NS-Tötungsanstalt Hartheim in Oberösterreich (evtl. verbunden mit Exkursionen zur Gedenkstätte des ehemaligen NS-Konzentrationslagers Mauthausen).

 

T4 – Keine Ahnung

Den Wert des Lebens spürbar machen – Oktober 2019

Schüler*innen des Johannes-Turmair-Gymnasiums besuchen die Gedenkstätte der ehemaligen NS-Tötungsanstalt Hartheim – ein Schloss auf dem Land idyllisch zwischen Wels und Linz gelegen, das aber den Nationalsozialisten seit 1940 einem furchtbaren Zweck diente: Dort wurden, vor allem im Rahmen der sogenannten „Aktion T4“, etwa 30000 Menschen mit geistiger und körperlicher Behinderung systematisch umgebracht. Auch Straubinger sind unter den Opfern. Der Obhut der ehemaligen Pflegeanstalt der Barmherzigen Brüdern entrissen, nach der perversen Logik der nationalsozialistischen Ideologie zu „lebensunwertem Leben“ erklärt und in Hartheim umgehend vergast. Ob der Schrecken diese Vernichtungsstätte wohl von der Besucherin oder dem Besucher unserer Gegenwart nachempfunden werden, für sie erfahrbar gemacht werden kann? Die Pädagogen des Erinnerungs- und Lernortes Schloss Hartheim gaben sich jede Mühe, den Jugendlichen aus Niederbayern nahezubringen, was sich an diesem Ort an Unfassbarem abgespielt hat. Der Vormittag diente der Erforschung zweier typischer Lebensläufe von Opfern der Tötungsanstalt, wo neben Menschen mit Behinderung auch arbeitsunfähige Häftlinge aus Konzentrationslagern wie Mauthausen und Dachau ermordet wurden. So lernten die JTG-Schüler*innen einen jungen Polen kennen, der als Teil der „Intelligenz“ zur Zwangsarbeit ins Deutsche Reich verschleppt wurde und zwei Konzentrationslager überlebte, ehe er in Mauthausen so schwer erkrankte, dass man ihn nach Hartheim deportierte. Gleichermaßen nah ging das Schicksal eines niederbayerischen Bauernsohnes, der, selbst siebenfacher Vater, jedoch traumatisiert vom Einsatz im Ersten Weltkrieg, nach dem frühen Tod sei- ner Ehefrau völlig den seelischen Halt verlor und, von Depression und Apathie geplagt, immer mehr dem Leben abhanden kam. Auch er starb als ehemaliger Pflegling der Barmherzigen Brüder Straubing schließlich in der Gaskammer der Anstalt Hartheim – für die Nationalsozialisten in ihrer Menschenverachtung der ‚Gnadentod‘.Bevor aber die Straubinger Schülerinnen und Schüler diesen Ort des Schreckens selbst ansehen konnten, zeigte ihnen eine hervorragend konzipierte Ausstellung im ersten Geschoss der Gedenkstätte, aus welchen Denktraditionen sich das mörderische Programm der Nazis speiste – von der kalten, blind fortschrittsoptimistischen Rationalität der aufgeklärten Medizin über die seit der Zeit der Industrialisierung kursierenden Ideale von „Sozialhygiene“ biszu den eugenischen Theorien des noch jungen 20. Jahrhunderts, die bereits direkt in die Verbrechensgeschichte des Nazi-Regimes münden, aber weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, auch in der westlichen Welt verbreitet waren. In Hartheim kann man sich ansehen, wohin der Plan, eine „bessere Gesellschaft“ zu erschaffen, die Menschen geführt hat – indem sie die Auffassung propagierten, in dieser Gesellschaft sei nicht für jeden Platz.

Text: Wolfgang Sättler
Fotos: Roman Schaffner

 

Die Ermordung Behinderter durch die Nationalsozialisten am Beispiel der Straubinger Pflegeanstalt

Adolf Hitler versuchte sein Ziel eines „Herrenvolkes“, das einmal Europa, wenn nicht sogar die Welt beherrschen sollte, nach der Machtergreifung Ende Januar 1933 nicht nur durch eine radikale antisemitische Politik zu realisieren. Auch behinderte und psychisch kranke Menschen störten als „minderwertige Elemente“ im rassistischen Weltbild der Nationalsozialisten und sollten als „unnützer Ballast“ der Gesellschaft und „lebensunwertes Leben“ „ausgemerzt“ werden.
Mit Kriegsausbruch 1939 erhielt das Vorgehen gegen Behinderte eine neue Dimension, verharmlosend „Euthanasie“, d.h. „guter Tod“ genannt. Auf Anordnung Hitlers wurde von Berlin aus die Ermordung der Behinderten planmäßig vorbereitet und durchgeführt, in der Nachkriegszeit nach der Tarnadresse in Berlin Tiergartenstraße 4 „T 4-Aktion“ genannt.

So wurden ab Oktober 1939 alle Heil- und Pflegeanstalten aufgefordert, für jeden Patienten einen Meldebogen auszufüllen, in dem neben den persönlichen Daten u. a. auch die Diagnose, die Therapie, die „Rassenzugehörigkeit“ und die Arbeitsfähigkeit angegeben werden mussten. Eine Kommission besuchte dann die Einrichtungen und prüfte die Pfleglingsakten; vom 28. bis 30. Juli 1940 weilte sie in der Straubinger Pflegeanstalt. Die Anstalten erhielten nach einiger Zeit „Transportlisten“ mit den Namen der zur Tötung vorgesehenen Pfleglinge – bei den kirchlichen und privaten Einrichtungen wurde hierbei zur Verschleierung erst der „Umweg“ über eine Einlieferung in staatliche Heil- und Pflegeanstalten gewählt. Ab Januar 1940 wurden die Behinderten dann systematisch in die neu eingerichteten sechs Tötungsanstalten verbracht. Für Bayern und Österreich war dies vor allem Schloss Hartheim bei Linz. Die Betroffenen wurden nach ihrer Ankunft in Hartheim unverzüglich auf den Weg zur Gaskammer geschickt. Die Behinderten, die das Schloss betraten, waren nach wenigen Stunden tot. Die Angehörigen erhielten erst nach einiger Zeit die Todesnachricht mit einem fingierten Sterbedatum, einer erfundenen Todesursache und dem Hinweis, dass aus seuchenpolitischen Erwägungen heraus der Verstorbene sofort eingeäschert werden musste.

Für die Pflegeanstalt Straubing wurde am 20. November 1940 die T4-Aktion bittere Realität: Die ersten 21 Pfleglinge, die auf Kosten des Landesfürsorgeverbandes Schwaben betreut wurden, mussten in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren überstellt werden. Am 1. April 1941 brachte man 100 Pfleglinge in die Heil- und Pflegeanstalt von Regensburg/Karthaus, 37 in das psychiatrische Krankenhaus Mainkofen. Weitere Transporte nach Regensburg und Mainkofen folgten, bis in der Anstalt, die im September 1941 zum Lazarett bestimmt worden war, nur noch etwa 80 Arbeitspfleglinge verblieben.

Am 24. August 1941 hatte Hitler die T4-Aktion gestoppt, da in der Bevölkerung eine wachsende Unruhe spürbar war, die Kirchen, insbesondere der Bischof von Münster Clemens Graf von Galen öffentlichen Protest erhoben. Doch die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ ging weiter. In der „dezentralen“ bzw. „wilden“ Euthanasie kamen viele Patienten vor allem in den staatlichen Heil- und Pflegeanstalten durch Vernachlässigung, gelegentlich durch Medikamentenvergiftung ums Leben. Es gab aber noch eine Steigerung: Mit dem so genannten „Hungerkost-Erlass“ ordnete das Bayerische Innenministerium am 30. November 1942 die Abgabe von fettloser Kost an nicht arbeitsfähige Kranke und aussichtslose Fälle in den staatlichen Anstalten an.

Insgesamt kamen von 1940 bis 1945 in Deutschland bis zu 275.000 Behinderte und psychisch Kranke ums Leben, in Bayern etwa 23.000. Von den knapp 700 Jungen und Männern, die zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in der Straubinger Pflegeanstalt lebten, fielen geschätzt 360 der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zum Opfer: Mindestens 130 vergast in Hartheim, etwa 230 umgekommen in der dezentralen Euthanasie. 
Seit 2009 steht in der Straubinger Einrichtung ein Denkmal, das Bewohner und Betreuer in gemeinsamer Auseinandersetzung mit den erschütternden Vorgängen in nationalsozialistischer Zeit gestalteten mit der Inschrift und dem Ziel „Uns allen zur Mahnung“. Seit April 2013 ist mit den Stolpersteinen des Künstlers Günter Demnig für Ludwig Egner und Mathias Miehling vor dem Eingang der Behinderteneinrichtung der Barmherzigen Brüder an der Äußeren Passauer Straße den Ermordeten stellvertretend Name und Gesicht gegeben. Im Pulverturm, dem 1963 eingeweihten Ehrenmal der Stadt Straubing für die Opfer des Ersten und Zweiten Weltkriegs und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, fehlt bisher eine Erinnerung an die Straubinger Pfleglinge.

Dr. Dorit-Maria Krenn
 – Stadtarchiv Straubing

Literaturhinweis:

Dorit-Maria Krenn, „Er sieht seinen Schutzengel an seiner Seite.“
125 Jahre Behindertenhilfe der Barmherzigen Brüder in Straubing, in: Barmherzige Brüder Straubing 1884-2009, hg. v. Barmherzige Brüder gemeinnützige Behindertenhilfe GmbH, Straubing 2009, S. 33-115, bes. 65-91
Dorit-Maria Krenn, Sie waren unsere Nachbarn. Stolpersteine in Straubing 2008 und 2013, Straubing 2013, S.28-33

 

 

Begleitende Medien

Videos

Die Videos zeigen den Entstehungsprozess des Bronze-Triptychon, das dem Gedenken an die Opfer der NS-Euthanasie gewidmet ist.

* Eine umfassende Dokumentation mit 7 Kurzvideos über das Projekt T4, die einzelnen Entwicklungsstufen und die beteiligten Kooperationspartner. Videos: Max Messemer
* Die Projektvorstellung – Eine Dokumentation zu dem Projekt T4 und die beteiligten Kooperationspartner. Video: Max Messemer

Das Video-Fenster 'T4 - Keine Ahnung? (Eine umfassende Dokumentation über das Projekt T4, die einzelnen Entwicklungsstufen und die beteiligten Kooperationspartner. Videos: Max Messemer)' anzeigen ...
Das Video-Fenster 'T4 - Keine Ahnung? (Die Projektvorstellung – Eine Dokumentation zu dem Projekt T4 und die beteiligten Kooperationspartner. Video: Max Messemer)' anzeigen ...
Das Video-Fenster 'T4 - Keine Ahnung? (Dokumentation des Projekts T4-Keine Ahnung - Eine Erinnerungsarbeit - Wir sind Straubing / FOS-BOS Straubing)' anzeigen ...

 

 

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