Eine Demokratie Konferenz am Johannes-Turmair-Gymnasium

Demokratiekonferenz 1968 – Kunst bewegt 2

Schüler*innen des JTG und Studierende der FAKS diskutieren den Entwicklungsprozess generationsbezogen sowie aus unterschiedlichen Blickwinkeln.

 

50 Jahre 1968 – Jahr Label, Epoche – Einflüsse auf demokratische Entwicklungsprozesse – Eine Analyse
Vier themenbezogene Impulsvorträge von Schüler*innen des Johannes-Turmair-Gymnasiums und Studierenden der Fachakademie für Sozialpädagogik der Ursulinen Schulstiftung Straubing

Im anschließenden Freistunde-Talk soll die Rolle der Kunst im Fokus stehen. Ein generationsübergreifender Dialog unter Künstler*innen aus zwei Ländern, über Ihre persönlichen Wahrnehmungen, Erlebnisse und die Rolle der Kunst als politisches Instrument.

Freistunde-Talk „Kunst bewegt“
Moderiert von Sonja Ettengruber, Leiterin der Freistunde-Redaktion des Straubinger Tagblatts
Gäste: Prof. Witold Chmielewski – emeritierter Fakultätsleiter für Bildende Kunst an der Kopernikus-Universität Torun (PL), Erich Gruber – Vorsitzender der Gemeinschaft Bildender Künstler in Straubing und Schulleiter an der Volksschule St. Josef, Adriana Omylak – Studentin der Buchillustration in Krakau (PL), Franziska Schrödinger, Fotografin und Kulturförderpreisträgerin (D)

Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der Freistunderedaktion des Straubinger Tagblatts, dem Johannes-Turmair-Gymnasium, sowie der Fachakademie für Sozialpädagogik der Ursulinenschulstiftung statt.

’68‘ als Epoche begreifen

und nicht als Jahr, das alles verändert hat

’68‘ ist eine Erfindung. Gewiss war das 69. Jahr des 20. Jahrhunderts nicht arm an historisch bedeutsamen Ereignissen, aber ebenso Gewiss steht die im Nachhinein montierte ‚Chiffre 68‘ (Detlev Claussen) für weniger und mehr zugleich: Sie steht nicht für ein einzelnes ‚kritisches Ereignis‘ im Laufe dieses Jahres, sie steht auch nicht für eine definierte internationale Summe solcher Momente, und sie steht schon gar nicht für eine Vielzahl einschlägiger Geschehnisse in unterschiedlich langen, von Fall zu Fall erst näher zu bestimmenden Zeitabschnitten.

ist das Ergebnis von Interpretation
und Imagination im weltweiten
Schein der Gleichzeitigkeit.

Quelle: Norbert Frei „1968 – Jugendrevolte und globaler Protest“ (Erweiterte Neuausgabe 2017)

Der polnische März

Der erste europäische Studentenaufstand fand im März 1968 in Polen statt. Studenten fliehen im März 1968 in der Nähe der Warschauer Universität vor der Polizei. Der Protest der Studenten wird als ‚antisozialistisches‘ Verhalten angeprangert und verurteilt: Etwa 20.000 Studenten werden von der Universität verwiesen. (© AP)

Der Protest entzündete sich an der Absetzung des Theaterstücks ‚Die Totenfeier‘ von Adam Mickiewicz und mündete in der Forderung nach freier Meinungsäusserung und mehr Demokratie. „Anders als im Westen spielte der Generationenkonflikt 1968 in Polen nur eine untergeordnete Rolle. Schriftsteller und Wissenschaftler schlossen sich aus Zorn über die offizielle Zensur gegenüber Mickiewicz‘ Stück und ihrer nationalen Kultur dem Protest der Jungen an“, analysierte der ehemalige stellvertretende Chefredakteur der polnischen Zeitung Rzeczpospolita, Jan Skórzynski, in einem Essay für Projekt Syndicate im März 2008.

Die polnische Regierung reagierte auf die Proteste mit einer antisemitischen Kampagne, in deren Folge bis zu 15.000 Polen jüdischer Abstammung ausgebürgert oder zur Ausreise gezwungen wurden. Dieser Vorgang beschäftigt die polnische Öffentlichkeit auch Jahrzehnte später besonders, zumal die Frage nach einem polnischen Antisemitismus nach dem Zweiten Weltkrieg bereits durch die Veröffentlichung von Jan Tomasz Gross‘ Buch ‚Die Angst‘ aufgeworfen und hitzig debattiert wurde. Mit Blick auf die antisemitische Kampagne im März 1968 betonte der polnische Historiker Paweł Machcewicz am 8. März 2008 im Dziennik, man könne nicht die Sowjetunion für die Hetzkampagne verantwortlich machen. „Die antizionistische Kampagne im Jahr 1968 war autonom. Es gibt keine Beweise, dass Moskau Form oder Intensität vorschrieb.“

Ryszard Siwiec

* 7. März 1909 in Dębica; † 12. September 1968 in Warschau

war ein polnischer Philosoph, Buchhalter. Während des Zweiten Weltkrieges kämpfte er als Untergrundsoldat der polnischen Heimatarmee (polnisch: Armia Krajowa) gegen die deutschen Besatzer. Nach dem Krieg entschied er sich, den Lehrberuf aufzugeben, um nicht die Indoktrination der Jugend durch das in Polen nach dem Krieg entstandene kommunistische Regime zu unterstützen. Bis zu seinem Tod arbeitete er stattdessen als Buchhalter in Przemyśl und hatte zusammen mit seiner Frau fünf Kinder. Zum Erntedankfeste am 8. September 1968 im Warschauer Stadion Dziesięciolecia, auf dem neben 100.000 Zuschauern auf den Tribünen auch führende Parteikader der PZPR und Diplomaten aus dem Ausland anwesend waren, verübte Siwiec eine Selbstverbrennung, um gegen den Einmarsch des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August desselben Jahres und das sozialistische Regime in Polen zu protestieren. Im Stadion nahm Siwiec in der Mitte einer der Tribünen Platz. Zuvor hatte er Handzettel mit antikommunistischen Texten im Stadion verteilt.

Bereits viele Jahre vor seiner Selbstverbrennung hatte Siwiec bereits damit begonnen, auf Handzetteln seine kritischen Gedanken zum herrschenden Regime der Polnischen Vereinigten Arbeiterpartei (polnisch: kurz PZPR) zu verbreiten. Er unterschrieb seine Texte damals zum eigenen Schutz mit dem Pseudonym Jan Polak. Der Einmarsch des polnischen Militärs zusammen mit anderen Armeen der Mitgliedsstaaten des Warschauer Paktes in die Tschechoslowakei im August 1968 berührte Siwiec stark und veranlasste ihn, aktiver gegen das Regime vorzugehen.

Vor seiner Abfahrt mit dem Zug nach Warschau schrieb Siwiec sein Testament und nahm gleichzeitig mit einem Kassettenrekorder eine antikommunistische Botschaft auf. Von seiner Frau verabschiedete er sich mit einem Brief, den er während der Zugfahrt geschrieben und in Warschau per Post an sich selbst abgeschickt hatte. Darin bat er um Vergebung und erklärte die Notwendigkeit seiner Tat. Zudem schrieb er, er fühle sich sehr wohl und spüre eine innere Ruhe wie noch nie zuvor in seinem Leben. Der Brief erreichte seine Gattin allerdings erst nach 22 Jahren. Der polnische Staatssicherheitsdienst hatte das Schreiben abgefangen und zurückgehalten.
Als er sich mit einem Anzünder in Brand gesetzt hatte, rief er gleichzeitig: „Ich protestiere.“ Personen und Feuerwehrleute, die das Feuer zu löschen versuchten, hielt er davon ab. Er wurde in ein nahes Krankenhaus gebracht und verstarb vier Tage nach dem Vorfall an den Folgen seiner Verbrennungen.

Der Mai 1968 in Paris

Viel geschrieben und gestritten über die Ereignisse von 1968 wird hingegen in Frankreich und Deutschland. Die 68er-Proteste in Frankreich konzentrieren sich auf den Mai, auf Studentendemonstrationen folgten die legendären Barrikadenkämpfe. im Pariser Quartier Latin bauen die Studenten Barrikaden auf und liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei. Anders als in Deutschland solidarisieren sich auch die Arbeiter mit dem Protest der Studenten und rufen zu einem Generalstreik auf (© AP).

John Lichfield: „In keinem anderen Land hat eine Studentenrebellion beinahe die Regierung zu Fall gebracht. In keinem anderen Land hat eine Studentenrebellion zu einem Arbeiteraufstand geführt, der von unten kam und die paternalistische Gewerkschaftsführung ebenso überwältigte wie die paternalistische, konservative Regierung.“ Die Folgen des Mai 68 werden in Frankreich ganz unterschiedlich beurteilt. Während manche Franzosen die Aktivisten von damals verantwortlich machen für gesellschaftlichen und moralischen Verfall, sehen andere in den Protagonisten des Mai 68 den Ursprung aller Bewegungen und ziehen eine Linie von damals zu den späteren Aufstände in der Banlieue oder aktuellen Schüler- und Studentenprotesten. Der französische Philosoph André Glucksmann widersprach in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung am 17. Februar 2008 dieser Zuschreibung: „Nichts ist unsinniger als zu behaupten: Die 68er Generation hat et-was Relevantes getan. ‚Die Generation ’68 existierte genau drei Wochen, sie hat sich dann zerstreut. Es war eine kurze Erhellung über das 20. Jahrhundert. Mehr nicht… Der Mai 68 ist weder der Grund unseres heutigen Glücks noch unseres Unglücks.“

Der Prager Frühling

Mehr als der kurze polnische März 1968, der im übrigen Europa kaum wahrgenommen wurde, war der Prager Frühling für viele Europäer – besonders östlich des Eisernen Vorhangs – ein Fixpunkt. „Das, was in der Tschechoslowakei passierte, hätte man sich eben auch für die DDR gewünscht“, erinnerte sich die heutige deutsche Bundeskanzlerin und damalige DDR-Bürgerin Angela Merkel im SZ-Magazin vom 29. Februar 2008. Eine Öffnung des realen Sozialismus nämlich, wie es die kommunistische Parteiführung unter Alexander Dubček 1968 in der Tschechoslowakei versuchte.

Sie wollte einen ‚Sozialismus mit menschlichem Antlitz‘ schaffen, was freie Mei-nungsäußerung und alternative Lebensentwürfe einschloss. „Es war nicht zu über hören, was die neue Ausrichtung implizierte: Der vorherige Sozialismus hatte ein Monstergesicht gehabt“, erläuterte die slowakische Schriftstellerin Irena Brezna am 29. Februar in der Neuen Zürcher Zeitung. „Während bei den westlichen Linken der ‚Prager Frühling‘ zukunftsorientiert als ‚dritter Weg‘ wahrgenommen wurde, als Verheißung einer gerechten Gesellschaft, war das Tauwetter für mich rückwärts- und gegenwartsgerichtet, als Entlarvung der kommunistischen Verbrechen, und darin lag seine Menschlichkeit.“ Das Experiment des ‚dritten Weges‘ wird heute in Tschechien und der Slowakei als gescheitert betrachtet, beendet durch den sowjetischen Einmarsch im August 1968 und abgelöst durch die Entscheidung für das westliche Demokratiemodell nach 1989. „Erschwert wird die Auseinandersetzung über 1968 heute auch dadurch, dass die herrschenden Konservativen das Ereignis als ‚bloßen Machtkampf innerhalb der damaligen KP-Führung‘ abtun. Gezielt. Es soll niemand auf die Idee kommen, sich der Ideale und Werte von damals etwas genauer zu erinnern“, erklärte Tschechien-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt am 9. März 2008 in der österreichischen Presse.

Jan Palach

*11. August 1948 in Mělník † 19. Januar 1969

1963 kam Jan auf das Gymnasium in Mělník, wo er 1966 maturierte, um ein Studium aufzunehmen. Obwohl er die Aufnahmeprüfung in Philosophie bestand, konnte er dieses Studium nicht wie beabsichtigt beginnen, da sich zu viele weitere Studenten um einen Studienplatz beworben hatten. Palach studierte daher zunächst einige Semester an der Prager Wirtschaftsschule. Gerade zur Zeit des Prager Frühling von 1968 wechselte er dann an die Karlsuniversität. Hier kam er mit dem studentischen Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings in Berührung, welcher sich im Herbst 1968 in Streiks äusserte. Jan Palach stand am 16. Januar 1969 zwischen 15 und 16 Uhr bei der Treppe des Nationalmuseums, welches den Prager Wenzelsplatz gegen Südosten abschließt, legte dort am Rande des Brunnens seinen Mantel und seine Aktentasche ab, in der sich die Abschrift einer zuvor außerdem an seine Verwandten und eine Anzahl seiner Kommilitonen gesandten Nachricht befand, übergoss sich mit dem Inhalt eines Benzinkanisters, entzündete ein Streichholz, stand augenblicklich am ganzen Körper in Flammen und rannte auf den Wenzelsplatz hinaus.

Palachs Abschiedsbrief wurde nicht offiziell veröffentlicht, aber in der Nacht auf den 20. Januar wurden Plakate an die Wände geklebt, die seinen Wortlaut enthielten: „Da unser Land davor steht, der Hoffnungslosigkeit zu erliegen, haben wir uns dazu entschlossen, unserem Protest auf diese Weise Ausdruck zu verleihen, um die Menschen aufzurütteln. Unsere Gruppe ist aus Freiwilligen gebildet, die dazu bereit sind, sich für unser Anliegen selbst zu verbrennen. Die Ehre, das erste Los zu ziehen, ist mir zugefallen, damit erwarb ich das Recht, den ersten Brief zu schreiben und die erste Fackel zu entzünden“.

Die Nachricht stellte ferner in Aussicht, dass ‚weitere Fackeln in Flammen auf-gehen würden‘, wenn nicht die Zensur wieder aufgehoben und die Verbreitung der Zprávy (Nachrichten), eines unter sowjetischer Kontrolle verfassten und in der DDR gedruckten Nachrichtenblatts, eingestellt werden würde. Über die Gruppe, der Jan Palach angehörte, ist jedoch nie Genaueres bekannt geworden.

Nach seinem Tod verlas der Anführer der um diese Zeit streikenden Studenten, Lubomír Holeček, im Radio die Worte, die Palach ihm drei Stunden vor seinem Tod diktiert hatte: „Meine Tat hat ihren Sinn erfüllt. Aber niemand sollte sie wiederholen. Die Studenten sollten ihr Leben schonen, damit sie ihr ganzes Leben lang unsere Ziele erfüllen können, damit sie lebendig zum Kampfe beitragen. Ich sage euch ‚Auf Wiedersehen‘. Vielleicht sehen wir uns einmal wieder.“

Reform versus Unterdrückung

Vereinzelt wurden die unterschiedlichen nationalen Ereignisse des Jahres 1968 doch in einen Zusammenhang gebracht – meist unter Betonung der Unterschiede zwischen Ost- und Westeuropa. herrschten 1968 fast bürgerkriegsähnliche Zu-stände. Entsprechend heftig wird in Frankreich noch heute über ’68 gestritten (© AP). Georges Mink beschrieb diese Unterschiede in der französischen Zeitung Le Monde am 4. Januar 2008: „Auf der einen Seite ging es darum, aus dem System sowjetischen Typs auszubrechen, das viele Charakteristika des Totalitarismus auf-wies. Auf der anderen Seite verlangte die Masse ‚einfach‘ die Entblockierung des existierenden demokratischen Systems, das in der Routine eingekapselt und ohne Vorstellungskraft war – und konnte sich auch durchsetzen(!). So lässt sich auch der Unterschied in der Reaktion der beiden Regime ermessen: die Demokratie reformiert sich selbst, während das autoritäre System sowjetischen Typs mit dem Ersticken aller Veränderungswünsche antwortet.“

Besonders deutlich wurden die Unterschiede in der Protesthaltung im damals geteilten Deutschland. In Ostberlin orientierte man sich weniger an Westberlin, sondern an den Ereignissen in Prag, wie sich der Schriftsteller Rolf Schneider in der Welt vom 12. Februar 2008 erinnerte. „Vor diesem Hintergrund erschienen uns die über das Fernsehen verfolgbaren Aufmärsche in Westdeutschland, wo man mit roten Tüchern und dem Ruf nach Rätedemokratie auf den Straßen umherlief, irrelevant, kindisch und unendlich weit weg.“ Worin sich die Bewegungen glichen, versuchte Ernst Hanisch in der österreichischen Presse vom 7. März 2008 durch eine ‚exaktere Begriffsbestimmung‘ zu beschreiben. „Die 68er-Bewegung war ei-ne Jugendbewegung (führend die Studenten), die eine neue Welt, eine neue Gesellschaft schaffen wollte.“ Jenseits der ideologischen Auseinandersetzungen in Ost- und Westeuropa war für diese Bewegungen seiner Auffassung nach charakteristisch: „Die spielerischen Regelverletzungen innerhalb einer noch stark von der Untertanenmentalität bestimmten politischen Kultur erweiterten den Raum der Freiheit. Die Zivilgesellschaft wurde stärker. Ein neues Lebensgefühl breitete sich aus.“

Deutschlands 68er und die Nationalsozialisten

Auch in Deutschland sind Dutzende Bücher über das Jahr 1968 erschienen, Ausstellungen und Dokumentationen werden überall gezeigt. Für großes Aufsehen sorgte der Historiker – und damalige Aktivist – Götz Aly mit seinem Buch ‚Unser Kampf. 1968 – ein irritierter Blick zurück‘. Aly vertritt die These, die 68er seien ihren Nazi-Eltern ähnlicher gewesen, als ihnen lieb sei. Sie seien dem Massenmörder Mao hinterher gelaufen, hätten vereinfachend ‚USA-SA-SS‘ gebrüllt und sich nicht für die großen Prozesse gegen die Nazis interessiert. Dagegen betonte der Historiker Norbert Frei, gerade das kritische Verhältnis zur Schuld der Nationalsozialisten sei das besondere Kennzeichen der deutschen 68er gewesen:
„In der vergangenheitspolitischen Landschaft der Bundesrepublik hingegen stand, ausgesprochen oder nicht, der Mord an den europäischen Juden wie ein Gebirge der Schuld. Dessen Unermesslichkeit empfanden vor allem die Jungen“, schrieb er am 11. März 2008 in der Neuen Zürcher Zeitung. ‚Überkommentiert und untererforscht‘ sei das deutsche ’68, meint Frei, der selbst in diesem Frühjahr das Buch ‚1968, Jugendrevolte und globaler Protest‘ vorgelegt hat. Als einer der wenigen stellt er die deutschen Ereignisse in einen internationalen Kontext und beschreibt das Jahr 1968 in den USA, West- und Osteuropa.

1968 – Eine europäische Bewegung?

In vielen Ländern Europas sind die Proteste des Jahres 1968 zu einer wichtigen Chiffre der nationalen Geschichte geworden. Rückblicke, Erinnerungen und Anaysen spielen in den Debatten in Ost- und Westeuropa eine große Rolle. Wie hier den Kurfürstendamm in Westberlin eroberten Studenten 1968 in zahlreichen europäischen Städten die Straßen. (© Günter Zint)

„Der Mai 68 wird nicht mehr, wie bislang üblich, als ein plötzlich und aus heiterem Himmel sich entladendes Gewitter gedeutet, sondern als Epizentrum gesellschaftlicher Veränderungen gesehen, die in einer Zeitspanne von rund zwei Jahrzehnten abliefen“, konstatierte Johannes Willms in der Süddeutschen vom 5. März 2008. Er spricht von einer einsetzenden Historisierung. Doch von einer rein wissenschaftlichen Auseinandersetzung ist die Debatte weit entfernt, denn viele damalige Akteure spielen weiterhin eine große Rolle – mit ihrer Erinnerung, Verklärung oder Verdammung der eigenen Geschichte.

Professor Witold Andrzej Chmielewski

wurde 1949 in Torun, Polen geboren. Er ist Pädagoge, Künstler und Professor für Bildende Kunst mit Schwerpunkt Malerei. Von 1970 bis 1975 studierte er Bildende Kunst an der Nikolaus Kopernikus Universität bei Stanislaw Borysowski in Torun. Dort war er auch nach seinem Studienabschluss tätig. Ab 1981 war er Vizedirektor des künstlerisch-pädagogischen Institutes. 1983 wurde er wissenschaftlicher Mitarbeiter. Von 2001 bis 2104 war er bis zu seiner Emeritierung Professor und Fakultätsleiter für Bildende Kunst an der Nikolaus Kopernikus Universität. Chmielewski ist darüber hinaus als Bühnenbildner in Theater und Fernsehen tätig, hatte einige Ausstellungen und kleinere Architekturprojekte. Auch in der Vermarktung und Werbung sowie als Organisator von kulturellen Veranstaltungen und Autor von Fach- und Kunstliteratur konnte sich Chmielewski einen Namen machen. Weitere Arbeitsbereiche finden sich in der experimentellen Kunst, in künstlerisch-gesellschaftlichen Tätigkeiten sowie intermedialer und multimedialer Kunst. Er schreibt kritische Texte über zeitgenössische Kunst und Kultur. Neben dieser journalistischen Tätigkeit schrieb er auch für den Lokalteil einer der wichtigsten polnischen Tageszeitungen „Gazeta Wyborcza“. Auf Chmielewskis Initiative hin entstand die Fachrichtung „Kunstpädagogik“ am Institut der Bildenden Künste an der Nikolaus Kopernikus Universität in Torun. Zudem ist er Mitautor eines Projekts namens „Kleine Heimatstädte“, bei dem lokale Initiativen im Bereich Kultur und Erziehung gefördert und dargestellt werden. Er wirkt darüber hinaus als Kurator und Experte im Bereich Kunsterziehung und der kulturellen Belebung auf lokaler Ebene.

Interview mit Prof. Witold Chmielewski / November 2018

Das Jahr 68 gilt nicht nur in der Kunst als Synonym für Aufbruch und Veränderung. Wohin sind Sie damals aufgebrochen und was hat sich für Sie verändert?

1968 habe ich zunächst mein Abitur im Technikum für Elektromechanik absolviert. Erst danach habe ich mich für eine völlig andere Richtung entschieden. So bewarb ich mich an der Filmhochschule in Łódź (Lodz) für den Bereich Kameramann und auch für die Fachrichtung Innenarchitektur an der Kunstakademie Gdansk (Danzig). Prägend in den 60ern waren vor allem internationale Filme. Ich war Vorsitzender in einem Filmclub, in dem wir uns intensiv über die Filme austauschten.

In trauriger Erinnerung im Zusammenhang mit 1968 sind mir die Studentenstreiks und der grassierende Antisemitismus in Polen, sowie der 20. August. Durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei wurde an diesem Tag dem Prager Frühling ein Ende gesetzt. Als ein Paradoxon empfand ich damals, dass in man in Polen gegen den Sozialismus kämpfte und in Westeuropa gegen den Kapitalismus auf die Straßen ging.

Ganz spontan: ein Kunstwerk, ein Theaterstück/Buch und eine Musikplatte, die Sie persönlich mit den 68ern verbinden…

Für mich und meine Generation war Musik sehr wichtig. Selbstverständlich vor allem Rockmusik, die über verschlungene Kanäle (z.B. Radio Luxemburg) auch nach Polen durchsickerte. Damals wie heute hat Czesław Niemen einen besonderen Platz. Sein Album „Dziwny jest ten świat” (Seltsam ist die Welt“) und der gleichnamige Titelsong von 1967 hat nichts an Aktualität verloren. Es ist ein Protest gegen die Bösartigkeit in der Welt und gegen diejenigen Menschen, die anderen nur Verachtung entgegenbringen.

Wie viel von dem Geist der 1968er steckt noch heute in der Kunst?

Selbstverständlich ist der Begriff „Kunst“ sehr weit gefasst. Leider unterliegt die Kunst heute einer zunehmenden Kommerzialisierung und Verflachung. Sie hat oft nur noch wenig mit dem damaligen Geist gemein. Gott sei Dank gibt es aber noch Künstler von damals, die sich den Idealen von einst verpflichtet fühlen. Zu diesen zähle ich auch mich. Zum Beispiel habe ich über einen Zeitraum von mehr als 20 Jahren ein sozial-künstlerisches Projekt betreut, das Kunststudenten gemeinsam mit Bewohnern eines kleinen Dorfs umsetzten, die dem Erhalt ihres Sozialraums diente. Hierbei habe ich gelernt, dass es durchaus, auch zum Teil sehr junge Künstler gibt, die der Welt kritisch gegenübertreten, empathisch sind und an die Ideale von Freiheit und Demokratie glauben.

Interview: Stefanie Sobek

Erich Gruber

wurde 1953 in Straubing geboren. Nach dem Abitur am Johannes-Turmair-Gymnasium in Straubing studierte er Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule in Regensburg. 1992 übernahm er das Konrektorat an der Grund und Mittelschule, und leitete ab 2010 Schule bis zu seiner Pensionierung im Jahre 2019. Schon als Student begann er autodidaktisch mit der Ausübung der Malerei. Seine Lehrmeister fand er in Kunsterziehern und freien Künstlern. 1976 beteiligte er sich zum ersten Mal an einer Aus-stellung der Gemeinschaft Bildender Künstler Straubing. Erich Gruber engagiert sich von Anfang auch als Funktionär im Kunst- und Ausstellungswesen. 1989 wurde er Mitglied in der Vorstandschaft der Gemeinschaft Bildender Künstler, 1993 2. Vorsitzender und seit 2013 ist er 1. Vorsitzender. Seit 2004 ist er Vorsitzender des Kuratoriums der Dr. Franz und Astrid Ritter-Stiftung, die mit 15 000 € einen der bedeutendsten Kulturpreise Bayerns vergibt. Außerdem ist die Stiftung Partner der Stadt Straubing bei der Verleihung des Kulturförderpreises für Künstler unter 30 Jahren. In der Galerie im Weytterturm präsentiert die Gemeinschaft Bildender Künstler unter der Leitung von Erich Gruber seit fast 30 Jahren interessante und durchaus bedeutende Ausstellungen zeitgenössischer Kunst aus Bayern und darüber hinaus. Über viele Jahre hinweg war er auch als Schriftführer der Deggendorfer Künstlergruppe tätig. In der Deggendorfer Künstlergruppe, in der GBK und als Entsandter auch in der Ritter-Stiftung ist er in den Auswahlgremien tätig, zudem in der Landesjury des Int. Wettbewerbs ‚jugend creativ‘. Als Künstler stellt Erich Gruber regelmäßig bei den Halbjahresausstellungen der GBK aus. Zudem konnte er sich in verschieden Ausstellungen in den USA, Frankreich, Spanien, Tschechien, Österreich und zweimal im Rumänischen Kulturinstitut in Venedig präsentieren. In Einzelausstellungen nahm er die Kunstbetrachter in verschieden Themenausstellungen mit in seine künstlerische Welt, der er vor allem mit den Formen der Fliege und des überfahrenen Frosches Ausdruck verleiht. ‚Das Mustern des Musters‘, ‚Alles Fliege – oder was?‘, ‚Froschige Atmosphäre‘, ‚SINNONIMM‘, ‚Augenrauschen‘ oder ‚TWINSET‘ hießen die Titel von Grubers Einzelausstellungen .

Adriana Omylak

studierte an der Kunstakademie in Krakau. Das breit gefächerte Studium beinhaltete mit Grafik-, und Buchdesign, Animation, Fotografie und Typografien eine große Vielfalt. Aufgewachsen ist Adriana jedoch auf dem Land, in der Nähe von Zakopane. Dort betreiben ihre Eltern einen Agrotouristik-Hof mit vielen Pferden. Bücher waren immer schon eine Leidenschaft von Adriana: „Ich habe soviel gelesen, dass mir oft die Bücher ausgingen. Dann habe ich mir selbst welche ausgedacht. Als Jugendliche entdeckte ich dann den besonderen Reiz der Bilderbüchern und Grafik-Novells ausgeht“. Die Verbindung von Bildern und Texten faszinierte mich sehr. Damals habe ich auch die Arbeiten von Iwona Chmielewska kennengelernt, die bis heute meine größte Inspiration ist. Ihre Art, Geschichten zu erzählen und wie sie hier die Worte mit ihren Bildern verknüpft, empfinde ich als einzigartig. Vor langer Zeit brachte mir mein Vater ein Bilderbuch mit, in dem alle möglichen Tiere waren, die man auf einem Bauernhof findet. Wahrscheinlich nahm hiermit alles seinen Anfang, da für mich drei Hauptelemente sichtbar wurden: das Wort, die Illustration und schließlich der Bauernhof – die unendliche Quelle meiner Inspiration, mit der ich meine Eltern verbinde, die mich stets unterstützen. Neben meiner bildnerischen Arbeit höre sehr viel unterschiedliche Musik, aus der ganzen Welt. Darüber hinaus interessiere mich sehr für die Kultur der Länder des Nahen Ostens. Nach dem Studium möchte ich Bücher Illustrieren und Grafik-Novells zeichnen. Da das Studium mir jedoch so viele Möglichkeiten bietet, weiß ich heute noch nicht wirklich, für welchen Schwerpunkt ich mich entscheide“.

Die Fotografin Franziska Schrödinger

wurde 1991 in Straubing geboren. Nach und während ihres Studiums zu Fotodesign an der Hochschule München (2010 – 2015) zogen sie immer wieder Projekte in ihre Heimatstadt. Die Camera-Obscura-Installation im Stadtturm „Dunkle Kammer“ (03/16) oder die dokumentarische Arbeit „Störschall“ über das Institut für Hörgeschädigte (01/16), die beim deutschen Jugendfotopreis 2016 prämiert wurde wären hier zu nennen. 2014 wurde sie mit dem Straubinger Kulturförderpreis ausgezeichnet unter anderem für ihr Buchprojekt „Menschenfreunde – Humoristen in Wort und Bild“. Zwischen Mai 2017 bis Februar 2018 setzte Franziska Schrödinger im Rahmen der Straubinger Partnerschaften für Demokratie das Foto-Projekt „Schalom Straubing – jüdisches Leben in unserer Stadt“. Im Dezember 2018 wird sie als Fotografin den UN-Klimagipfel in Katowice (PL) dokumentieren. Franziska Schrödinger lebt in München und Essen und arbeitet ebenda und anderswo. In Essen begann Sie zum Wintersemester 17/18 den Masterstudiengang „Photography – Studies and Practice“ an der Folkwang Universität der Künste.

 

 

 

 

Begleitende Medien

Bilder

* Sie sehen Bilder zur Ausstellung von Norbert Frei „1968 – Jugendrevolte und globaler Protest“
* Impressionen von unserer Veranstaltung :: Demokratiekonferenz 1968 – Kunst bewegt 2

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