Oktober 2014 :: Das Bilderbuch kann in der Erziehung eine herausragende Rolle einnehmen. Dies sollte den Studierenden der Fachakademie für Sozialpädagogik vermittelt werden.

Iwona Chmielewska

Das Bilderbuch – ein Buch für Menschen aller Altersgruppen

Iwona Chmieleswka ist weltweit eine der renommiertesten und eine vielfach preisgekrönte Illustratorin und Autorin. Zudem unterrichtete sie an der Kopernikus-Universität in Torun (PL) lange Jahre das Fach Bilderbuch Gestaltung.

 

In Cieszyn durfte ich zum ersten Mal „Blumkas Tagebuch“, ein Buch über den Arzt Korczak und seine Waisenkinder, vorstellen. Wir haben uns täglich zusammen auf dem Bildschirm und in „Natur“ die Bücher angeschaut, welche zu dieser Zeit (im Jahr 2011) langsam in Polen populär wurden. Wir trugen zusammen einige Koffer voller Bücher meiner Sammlung in das oberste Geschoss des Baus der städtischen Bibliothek in Cieszyn. Das sind Bücher, die aus der ganzen Welt zusammengekommen sind und die ich gesammelt habe, sogenannte Picturebooks. Diese Bezeichnung könnte Widerspruch von Puristen der Sprache hervorrufen, jedoch besitzen wir kein polnisches Wort, bei dem das Bild genauso wichtig oder sogar wichtiger ist als der Text, Bücher ohne Altersbeschränkung. Auf der Welt existiert das Phänomen „Picturebook“ schon Jahrzehnte, in Polen waren wir dagegen an die Illustrationen von Büchern für eine bestimmte Zielgruppe gewöhnt: fröhliche und bunte Illustrationen, die einen Gegenstand behandeln, sind für Kinder bestimmt, Illustrationen, die dem Text untergeordnet sind und ihn schmücken oder auf ernsthafte aber eigentliche Art und Weise kommentieren sind für Jugendliche und Erwachsene bestimmt. Es bestand und besteht immer noch die Überzeugung, dass man aus Büchern mit Bildern herauswächst und dass sie dem Spaß und der Erziehung dienen sollen.

Mir scheint die Bezeichnung „Bilderbuch“, die man am häufigsten in Polen benutzt für alle Bücher mit einer bildhaften Erzählung, auch die, die für Erwachsene bestimmt sind, unglücklich. Häufig benutze ich die Bezeichnung „anschauliches Buch“, weil sie das Bild wertschätzt, in einem Buch, das von Anfang bis Ende gemäß eines künstlerischen Konzeptes geschaffen ist und einem Buch, das häufig Kunst für Menschen aller Altersgruppen, nicht nur Kinder, darstellt. Die Autoren solcher Bücher kämpfen wiederholt mit schwierigen Themen, die in einer ausgesuchten, nicht selbstverständlichen Form dargestellt werden. In den zeitgenössischen Picturebooks kann man häufig nicht das eine Medium Text vom anderen Medium Bild trennen, da sie ein eigenartiges Spiel treiben. Manchmal geht der Text am Bild vorbei, das Bild verneint den Text und das Ganze sagt sich von der Intelligenz und Vorstellungskraft des Rezipienten ab, fordert ihn zum lösen von Rätseln auf und lädt zu mehreren Interpretationen ein. Während der Treffen in Cieszyn haben wir viele schockierende Bücher angeschaut. Die Teilnehmer waren nicht an die Rezeption gewöhnt und hatten deswegen häufig Tränen in den Augen, weil die Bücher, welche ich für sie ausgesucht hatte, in kurzen und ausdrücklichen Texten, die mit Bildern ergänzt waren, die wichtigsten Fragen stellten, sie sprachen nicht nur die Augen und den Verstand an, sondern auch die Seele. Bei der Beschäftigung mit „picturebooks“ kann man eine innere Reinigung der Seele erleben, weil die Form dieser Bücher einem einfach vorkommt, aber den Kern trifft. Uri Orlev, der Übersetzer von „Blumkas Tagebuch“ in die Hebräische Sprache hat einmal geschrieben, dass dieses Buch mitten ins Herz trifft. Ich glaube, dass wir in einer Zeit von Konsums und einfacher Ablenkung ein Buch brauchen, das mitten ins Herz trifft. Wir haben Bilder über den Tod angeschaut und gelesen, in denen die Autoren mit Hilfe von bildlichen Metaphern, poetischen oder einfachen Texten die Nicht-Selbstverständlichkeit und Komplexität des Schicksal zeigten. Wir haben Bücher mit verschiedenen Verbildlichungen von Gott, dem Absoluten, von Krankheit, von gesellschaftlicher Ungerechtigkeit, vom Krieg, vom Holocaust, von Depression und Gewalt und von schwierigen moralischen Zufällen angeschaut.

Eines meiner mutigsten Bücher ist ein koreanisches „Picturebook“ über Frauen, die von der japanischen Armee während des Krieges sexuell missbraucht worden sind. Dieses Buch mit der größten Sensibilität berührt eine nicht vorstellbare Tragödie tausender asiatischer Frauen und keiner in Korea hinterfragt die Botschaft, die auch an Kinder gerichtet ist, die ein Recht darauf haben, die Geschichte ihres Landes kennenzulernen. Solche Bücher sind vorhanden, man kann, muss aber nicht nach ihnen greifen. Die „nicht-fiktionalen“ Bücher, die wir angeschaut haben, sind häufig ein ergreifender Kommentar der Wirklichkeit und ihr „erzieherischer“ Charakter ist anders als das, was Kinder und Jugendliche in der Schule lernen. Die Künstler der Bücher, die Autoren der „Picturebooks“ ergreifen das Wort zu den wichtigsten Angelegenheiten und stützen sich auf die Empfindlichkeit und Vorstellungskraft der Leser, für den sie eine raffinierte und anspruchsvolle Übermittlung bereiten. Das sind keine einfachen, leicht verdaulichen Bücher – häufig haben die Erwachsenen Angst vor ihnen und benutzen Ausreden, wie: mein Kind mag oder toleriert solche beispielsweise dunklen, traurigen oder seltsamen Bücher nicht. Kinder hingegen nehmen schwierige Themen gerne auf. Sie haben ja das Bedürfnis, zu philosophieren und schwierige Fragen zu stellen. Der Erwachsene ist während dem gemeinsamen Lesen von „Picturebooks“ nicht nur ein Moderator, der dem Kind die Welt erklärt, sondern auch ein Gleichberechtigter, der der Interpretation des Kindes zuhört. Häufig sage ich, dass die Bücher Generationen verbinden. Man kann sich mithilfe von ihnen gegenseitig etwas beibringen.

Während der Treffen in Cieszyn besprachen wir viele verschiedene Arten der Bilderzählung und haben uns über die von den Autoren geschaffenen Metaphern Gedanken gemacht, wir öffneten die nächsten Türen zum Lüften der Geheimnisse der Bücher. Das bereits erwähnte Buch „Blumkas Tagebuch“ ist reich an Symbolen und Metaphern, die nicht immer beim ersten Lesen wahrnehmbar sind. Indem wir es angeschaut und Schritt für Schritt gelesen haben, fast in Zentimeterabständen einige Seiten analysierend, habe ich versucht, den Teilnehmern meine Intentionen näherzubringen, aber auch ihre Interpretation zu hören. Ich habe ihnen auch einige Beispiele gezeigt, in denen der Text sehr einfach und leicht verständlich ist und erst in der Verbindung mit dem Bild auflebt. Genauso sagt uns ein Bild ohne Text nicht viel. Aber die schlüssige Konstruktion des Ganzen lässt uns ein Buch verstehen. Die Einladung zum gemeinsamen Schaffen ist der Motor meines Vorgehens mit den Büchern. Ich versuche die Bücher „gastfreundlich“ zu gestalten, so dass jeder sie mit seinem eigenen Sinn vollenden kann um in ihnen seine Subjektivität und Zufriedenheit im gemeinsamen Schaffen zu erleben. Deswegen stelle ich eher Fragen als fertige Antworten zu formulieren. Während den Treffen in Cieszyn, die im Rahmen der nächsten Herausgabe der „Kręgi Stuki“ stattfanden???, teilte ich mit den Teilnehmern meine Erfahrungen aus anderen Zusammenkünften, die zum Beispiel in Südkorea, Deutschland, Frankreich und Japan stattfanden. Ich habe ihnen gezeigt, wie man mit den Büchern arbeiten kann, indem ich beispielsweise einen Workshop geleitet habe. Hervorragende „Picturebooks“ sind vielseitige Übermittler, die in verschiedenen Kulturkreisen auf der ganzen Welt erhältlich sind.

Das „Picturebook“ ist in Polen noch immer ein nichterforschtes Medium, so ein kleiner Tölpel, zu dem sich beispielsweise Literaturwissenschaftler (weil alles so einfach, kurz und die Texte unvollkommen sind), Kunstkritiker (weil es nicht wichtig genug ist, sondern nur irgendwelche Kinderbücher für Kinder), Pädagogen (weil das „Picturebook“ häufig der Anarchie begegnet und seltsam sowie wenig „erzieherisch“ ist) nur schwer bekennen können. Ich bin keine Gelehrte der „Picturebooks“, aber ihre Autorin, Liebhaberin, Anhängerin sowie Sammlerin. Ich maße mir nicht an, in theoretischen Themen wichtigtuerisch zu sein, ich benutze keine wissenschaftlichen Ausdrücke. Auf solchen Veranstaltungen wie in Cieszyn habe ich eher meine Begeisterung und meine leidenschaftliche Überzeugung geteilt, dass „Picturebooks“ die Welt in eine bessere verändern können. Ich habe versucht zu beweisen, dass viele dieser Bücher nicht in der Kinderabteilung von Bibliotheken stehen sollten. Ein gutes „Picturebook“ drängt uns aus unserem Gefühl der Sicherheit und initiiert eine skeptische Betrachtungsweise auf die Welt. Häufig bekommt der Leser eine Art Erleuchtung und damit meine ich nicht das Feststellen des Talents des Autors. Es ist das Wahrwerden seiner selbst, die Begeisterung an der eigenen Subjektivität und an dem Können, das Bild und den Text gegenüberzustellen. Es ist häufig eine metaphysische Erfahrung, die an das Durchleben einer Transzendenz grenzt oder ist. So funktioniert die bildliche Poesie. Wir haben uns einige wichtige Fragen gestellt: über die erlaubten Grenzen in Kinderbüchern und über das, was ein Tabu ausmacht.

Ich habe bereits von der Disziplin gesprochen, die ich mir aufzwinge um die Phantasie des Lesers freizusetzen, von der Verantwortung, die ich auf mich nehme, indem ich eine „nicht-fiktionale“ Welt kreiere. Wieder beziehe ich mich auf „Blumkas Tagebuch“, in dem man es mit der Bedrohlichkeit und riesigen Ungerechtigkeit aufnehmen musste, die mit Hoffnung und einer Ladung Gutem ausgeglichen wurden. Wir haben über die besondere Rolle des Autors, der für Kinder schreibt, geredet, von dem viele Kenner (ich erinnere an die Pädagogen, visuellen Künstler, Literaturwissenschaftler, aber auch die Eltern) versuchen eine Haltung, die viele Bedingungen erfüllt, zu fordern, dienlich gewissermaßen wegen ihrer Bedürfnisse und im System verhaftet. Inzwischen fühlt sich der Autor von Bilderbüchern, der ein Künstler im wahrsten Sinne des Wortes ist, zwischen den Erwartungen und seiner eigenen Interpretation der Wahrheit der Welt hin- und hergerissen. Er möchte nicht von außerhalb gesteuert werden um ein Buch mit einer Moral zu erschaffen. Die meisten der besten und in weltweiten Wettbewerben von „Picturebooks“ ausgezeichneten Bücher haben gar keine Moral. Warum versuchen wir das Niveau der Diskussion mit dem Kind runterzusetzen, in der wir immer in der Position des Stärkeren und dessen, der es besser weiss sind, der versucht zu erziehen, das Gefühl von Sicherheit gebend mit einer schönen didaktischen Pointe?

Ich habe bereits von dem unbekannten Adressaten meiner Bücher gesprochen. Ich bin dagegen, dass man Alterskategorien schafft, durch die man die Leser, die nicht in diese passen, ausschließt. Ich erschaffe Bücher für mich selbst und für Menschen, die sie brauchen.

Ich habe außerdem von meinem Workshop? und meinen Beobachtungen, die aus meiner langjährigen praktischen Erfahrung hervorgehen, gesprochen. Ich glaube, dass nicht jeder, der hervorragend zeichnen kann, ein Buch erschaffen kann. Man muss sich das spezielle „wie das Buch denken“ aneignen, Handlungen zurückhaltend, so wie den Atem, das Erschaffen von Wendungen, Spannung in der Erzählung und es zu schaffen, das Buch auf eine unerwartete Weise zu Ende zu bringen, was immer sehr schwierig ist.

Meistens konstruiere ich Bücher so, dass sie verschiedene „Stufen der Einweihung“ besitzen: die einfachste, die kleine Kinder interessiert, aber auch eine höhere: enthält Metaphern, Symbole, die man erst entschlüsseln kann, wenn man bereits Wissen und vor allem Erfahrung besitzt. Über das alles habe ich gesprochen, indem ich meine Bücher genau analysiert habe auch mithilfe der aktiven Beteiligung der Teilnehmer. Einige Jahre zuvor hatte ich noch keine polnischen Ausgaben meiner Bücher, sondern größtenteils koreanische Editionen, die für polnische Leser nicht zugänglich waren. Daraus resultiert der einzigartige Charakter dieser Treffen, was die Organisatoren und Teilnehmer hervorhoben.

Drei alljährliche, einige Tage dauernde Reihen der Treffen in Cieszyn haben uns erlaubt, die Kraft von Bilderbüchern und die Notwendigkeit des Kontaktes mit ihnen zu spüren. Ich hoffe, dass die Teilnehmer seitdem mit einem größeren Bewusstsein an das Aussuchen der Bücher für ihre Kinder und für sich selbst herangehen und die dünnen, häufig unscheinbaren „Picturebooks“ wertschätzen. Wie schon Doktor Korczak sagte: „manchmal lernt der Mensch aus einem dicken Buch nichts neues, dafür aus einem dünnen“.

© Iwona Chmielewska

 

Begleitende Medien und weitergehende Informationen

Bilder

Sie sehen Bilder, die bei unserer Veranstaltung mit Iwona Chmielewska an der Fachakademie für Sozialpädagogik entstanden sind. | © R. Schaffner

Das slideshow-Fenster mit begleitenden Bildern 'Iwona Chmielewska – Blume der Kinderrechte - Ein Seminar an der FAKS' anzeigen ...

 

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